Robert HP Platz
Werkkommentar

Über Anderswo: Wand
(english version below)

 

Diese Wand hat etwas Wuchtiges, Undurchdringliches, Dichtes. Bei genauem Hinsehen /-hören nimmt man Einzelheiten wahr, Inschriften, aus der Masse schälen sich Individuen heraus, die, je weiter das Stück sich entwickelt, desto mehr sich entfalten können.
So weit so technisch so banal.


Das Ganze geht zurück auf die Vorstellung einer imaginären Opern-Szene für meine Kammeroper Anderswo, dort geht es um die Frage des Tyrannenmords. Die „Wand“ sollten dort die gesungenen/gesprochenen/geschrieenen Namen der Opfer sein, die sich (parallel zu einer Rahmenhandlung, den Widerstand gegen die Nazis betreffend) immer mehr herausschälen und erkennbar werden, Individualität erlangen.


Die „Handlung“ würde über Kreuz laufen: der Widerstand vom Täter quasi zum Opfer werden, während die Opfer ihre Opferhaltung, ihre Passivität verlieren und Zukunft aktiv gestalten – hast Du Dich im Netz schon einmal in Spielbergs Shoa Foundation umgesehen?: Die einzelnen Interviews sind oft von schockierender Großartigkeit…


Kaum eine Spur von Bitterkeit oder Hass, sondern immer wieder Vergebung, Aufforderung zum Überwinden von Barrieren, immer wieder Zeugnisse von der Liebe zur Welt und zum Menschen…
 
Was mich auf der anderen Seite zu dem grandiosen Wurf der Rede This is Water von David Foster Wallace bringt, in der er unseren normal täglichen Egoismus als „Standardeinstellung unserer psychischen Festplatte“ bezeichnet und einer „Anpassung" gegenübergestellt, die den Mitmenschen nicht als Hindernis beim Erreichen selbstgesteckter Ziele, sondern als Mitmenschen versteht, auf Augenhöhe – als gleichberechtigte Stimme, womit wir bei der Polyphonie wären, wie ich sie – durchaus politisch – verstehe: als Umgang in Respekt und Liebe mit dem Anderen in seiner Andersartigkeit.

 

Robert HP Platz
 

About Anderswo: Wand
 

This wall (Wand) has something massive, impenetrable, dense. On closer inspection / listening, one perceives details, inscriptions, individuals peel out of the mass, who, the further the piece develops, the more they can unfold.
So far so technically so banal.
 

The whole thing goes back to the idea of an imaginary opera scene for my chamber opera Anderswo, dealing with the question of tyrannicide. The "wall" there should be the sung/spoken/screamed names of the victims, who (parallel to an action concerning the resistance against the Nazis) increasingly emerge and become recognizable, attain individuality.
 

The "plot" would cross: the resistance of the perpetrator would quasi become the victim, while the victims lose their victim attitude, their passivity and actively shape the future – have you ever looked around Spielberg's Shoa Foundation on the net?: the individual interviews are often of shocking magnificence... Hardly a trace of bitterness or hatred, but forgiveness again and again, invitation to overcome barriers, again and again testimonies of love for the world and for mankind...
 

Which, on the other hand, brings me to David Foster Wallace's grandiose speech This is Water, in which he describes our normal daily egoism as the "standard setting of our psychic hard drive" and contrasts it with an "adaptation" that does not understand our fellow humans as being in the way, when we try to reach our own goals, but as fellow humans on eye level – as a voice with equal rights, which brings me to polyphony as I understand it – quite politically: as dealing in respect and love with the other in his otherness.

 

Robert HP Platz


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